Das Belgische Viertel in Köln - Ein Streifzug

Köln ist die schönste Stadt der Welt! Davon sind vor allem die Kölner überzeugt.

Erreicht man die Rhein-Metropole mit dem Zug und betritt den Bahnhofsvorplatz, dann versteht man die innige Liebe der Kölner zur eigenen Stadt nicht auf Anhieb. Der Dom ist imposant, aber wenig herzerwärmend. Zumal auf seiner Platte immer ein kalter Wind zu wehen scheint. Nicht weit entfernt fließt der Rhein, breit und unromantisch. Direkt hinter dem Dom trifft man auf reizlose Bausubstanz in Einkaufsstraßen, die keine Shopping-Wünsche offen lassen. Ob man nun hier oder in einer anderen deutschen Großstadt unterwegs ist, macht angesichts des immer gleichen Warenangebotes keinen emotionalen Unterschied. Kurz um: Köln ist keine Stadt, der man auf den ersten Blick verfällt. Wer allerdings kein zweites Mal hinschaut, wird einiges verpassen.

Um den Kölnern und ihrer heißgeliebten Stadt näher zu kommen, hilft es, wenn man aus der Medienbranche stammt, sich für Kunst interessiert, den Straßenkarneval mag oder sich für ein frisch gezapftes Kölsch begeistern kann. Der ganz besondere kölsche Charme wird in den Veedeln, in den Kölner Stadtteilen, spürbar. Ich kann jedem Köln-Besucher nur empfehlen einmal aus dem Schatten des Doms zu treten und zum Beispiel einen Spaziergang ins Belgische Viertel zu unternehmen.

Zu Fuß ins Szeneviertel

Das Belgische Viertel liegt im Westen von Köln in der südlichen Neustadt zwischen Ehrenfeld und der Kölner Altstadt. Als in Köln Ende des 19. Jahrhunderts Wohnraum gebraucht wurde, entstand hier ein neues Viertel, dessen Straßen die Namen von belgischen Provinzen und Städten bekamen. Heute ist die Gegend rund um den Brüsseler Platz nicht nur ein beliebte und kostspielige Wohngegend, sondern auch ein sogenanntes Szeneviertel.

Kreative mit eigenem Kopf haben sich zwischen der Brabanter- und Brüsseler-Straße niedergelassen und Boutiquen, Cafés, Manufakturen, Restaurants, Verlage oder Agenturen eröffnet.

 

Nach einem Besuch des Museums für Angewandte Kunst mache ich mich an einem Samstag im Dezember zu Fuß in dieses urbane Paradies für Individualisten. Der Weg dorthin ist sogar für Orientierungslose ganz einfach zu meistern. Vom Dom aus geht es immer nur geradeaus über die Breite Straße und dann weiter über die Ehrenstraße bis man nach 1,5 Kilometer auf die Maastrichter Straße trifft. Dabei kommt man an unzähligen Schaufenstern, Auslagen und Willy Millowitsch vorbei.

Willy Millowitsch sitzt entspannt auf einem Platz, der den Namen der Ikone des Kölner Volkstheaters trägt. Sein Anblick katapultiert mich in lang vergangene Fernsehzeiten, zu der die Auslage der Konditorei Fromme (Breite Straße 122) passt. Seit 1852 wird hier gebacken. Ob der Margheriten-Kuchen damals schon zum Back-Repertoire gehörte, weiß ich nicht. Bei so viel süßem Retro-Charme, mag man es jedoch fast vermuten.

Auch der Streifzug über die Ehrenstraße weckt einige Erinnerungen. Im jugendlichen Alter waren Einkaufstouren von Koblenz nach Köln ein absolutes Muss. Damals galt die Ehrenstraße als ein Shopping-Paradies, voll mit coolen Szeneläden, von denen man in der Provinz nur träumen konnte. Geschäfte gibt es hier noch immer. Eingezogen sind mittlerweile bekannte Filialisten aus dem Fashion- und Living-Bereich. Die schmale Ehrenstraße und ihre individuellen Hausfassaden stehen den internationalen Labels besser als die anonyme Architektur in standardisierten Einkaufsstraßen. Der ungewohnte Look der Schaufenster, lässt alte Shopping Bekannte wie Esprit, Tamaris oder COS in ganz neuem Licht erscheinen. Zumindest von außen. Die Atmosphäre auf den Bürgersteigen ist trubelig und geschäftig, jedoch weit entfernt von den Massenbewegungen auf den breiteren Einkaufsmeilen der Stadt.

 

Verhungern muss man in dieser Ecke von Köln nicht. Besonders ins Auge fällt mir die hohe Dichte an italienischen Pizzerien und Ristorante, so wie das Bella Italia (Friesenwall 52). Hier gibt es klassisch italienische Basics wie Pizza und Pasta im unkomplizierten Street-Food-Style zu essen. Schräg gegenüber liegt die Traditionsbäckerei Zimmermann (Ehrenstraße 75), die für ihr rheinisches Schwarzbrot bekannt ist. 

Noch kurz über den breiten Hohenzollernring und schon stehe ich auf der Maastrichter Staße im Belgischen Viertel. Ich bin überrascht wie leer die Bürgersteige an einem zweiten Adventswochenende in dem viel gerühmten Szeneviertel sind und freue mich darüber. Am Ende der Straße sehe ich die Türme der St. Michaelskirche, die sich über dem Herzen des Viertels, dem Brüsseler Platz erheben. Ich kann ihnen nicht lange meine Aufmerksamkeit schenken. Die hübschen Fassaden der Häuser und die ersten bunten Schaufensterauslagen ziehen mich in ihren Bann.

Das Belgische Viertel in Köln: Die Maastrichter Straße und ihre Fassadenschönheiten.
Das Belgische Viertel in Köln: Die Maastrichter Straße und ihre Fassadenschönheiten.
Der Brüsseler Platz und die Sankt Michaelskirche.
Der Brüsseler Platz und die Sankt Michaelskirche.
Platten und Oldies.
Platten und Oldies.

Im Good Moods (Maastrichter Straße 10) werden im Untergeschoss eines Parkhauses Platten verkauft. Als wäre das nicht schon Retro genug, sieht es hier aus wie in den amerikanischen 1950er Jahren. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht es optisch in dieser Zeit weiter. Im FRANTA (Maastrichter Straße 18) erinnert alles an einen American Diner. Die Tische und Stühle in Bonbon-Farben, die Juke-Boxen und leuchtenden Neonschriftzüge kann man mieten oder kaufen.

Schön shoppen im  Schee im Belgischen Viertel.
Schön shoppen im Schee im Belgischen Viertel.

Als ich vor der Schaufensterfront des Schee (Maastrichter Straße 36) stehe, weiß ich warum die Bürgersteige leer sind. Alle sind in dem Laden und stöbern zwischen Lifestyle-Ideen, Postern, Porzellan und Design-Objekten, deren Existenzberechtigung rein in ihrem attraktivem Äußeren liegt. Ich kann nicht widerstehen. Ich dränge mich zwischen die meist jugendlichen Hipster in hellen Jeans-Karottenhosen. Drei Tonic Water Flaschen, die aussehen wie Parfum-Flakons, muss ich einfach mitnehmen.

 

Draußen auf der Maastrichter Straße komme ich nicht weit. Das Schaufenster von der Boutique Fraukayser (Maastrichter Straße 40 - 44) ist eine bunte Reise in die Vergangenheit. Krimskams, Gedöns und Geschenkartikel, die ich teils aus meiner frühen Jugend kenne, werden hier verkauft. Von dem Lutscher in Pfeifenform über Mini-Geduldsspiele, die mich in den 1980er den letzten Nerv gekostet haben, bis hin zu bunten chinesischen Lampions wird hier alles verkauft, das Groß und Klein gute Laune macht.

Auf der anderen Straßenseite entdecke ich eine Markthalle. Drinnen ist es klein, aber großartig. Direkt am Eingang steht ein Blumenstand, dann folgt erhöht eine kleine Café-Bar, in der man seinen Espresso al banco, im Stehen, wie in Italien trinken kann. Im Erdgeschoss gibt es einen hübschen Bäcker, eine schicke Metzgerei und nette Sitzgelegenheiten. Im Untergeschoss stehen davon noch mehr zur Verfügung.

Ich habe Lust auf einen Kaffee. Hübsche Lokalitäten stehen rund um den Brüsseler Platz ausreichend zur Verfügung. Zur meiner persönlichen Auswahl steht das Café Miss Päpki (Romantikflair meets leckeren Kuchen am Brüsseler-Platz 18), Heilandt Kaffeemanufaktur (Hippe Koffeeinspezialisten in der Bismarckstraße 42) und der Salon Schmitz (Aachener Straße 28). Intuitiv fällt meine Wahl auf den Salon Schmitz. Das Café passt zum offensichtlichen Motto des Tages und führt mich mal wieder in die Vergangenheit. Die originale Anno-Dazumal-Optik des Cafés ist rührend schön und der Cappuccino richtig gut.

Wunderschön: Der Salon Schmitz auf der Aachener Straße in Köln
Wunderschön: Der Salon Schmitz auf der Aachener Straße in Köln

Wieder draußen auf der Aachener Straße laufe ich an unzähligen Restaurants, Lokalen und Cafés vorbei. Wenn bei schönem Wetter die Tische und Stühle auf dem Bürgersteig besetzt sind, muss das hier ein urbanes Open-Air-Paradies sein.

Ich starte meinen Streifzug durch das Belgische Viertel auf der Maastrichter Straße neu und bummele durch halb Belgien: Antwerpen, Gent, Limburg und Brüssel. Welche tollen Geschäfte, attraktiven Lokale und hübschen Wohnhäuser in Jugendstiloptik  mir auf meinem Weg begnen werde, ich jetzt einmal nicht verraten. Ich möchte Euch die Chance lassen, das Viertel selbst zu entdecken.

 

Eines muss ich an dieser Stelle jedoch noch los werden: Bisher ist mir noch nie in den Sinn gekommen, Köln als möglichen Wohnort in Betracht zu ziehen. Hier im Belgischen Viertel würde ich allerdings leben wollen! Wobei mir der ein oder andere Bewohner vermutlich davon abraten würde. Das sommerliche Nachtleben im Viertel soll manchen Nachbarn gehörig die Nachtruhe verderben. An diesem Samstag am hellichten Tag nur zwei Wochen vor Weihnachten war die Gegend herrlich ruhig und voller Inspirationen! Ich werde wohl die Tradition der Touren von Koblenz nach Köln wieder aufleben lassen.

Wenn Ihr schon einmal in dieser Gegend von Köln seid, könnt Ihr auch hier vorbeischauen:

Direkt um die Ecke liegt der Stadtgarten. In dem Park gibt es ein gleichnamiges Café/Restaurant, in dem man im Sommer wunderbar draußen sitzen kann. Rund um Weihnachten findet hier ein wirklich sehenswerter Weihnachtsmarkt statt.

 

Über die Venloer Straße geht´s weiter ins urbane Ehrenfeld. Hier trefft Ihr auf Streetart, auf reichlich Auswahl an Food-Lokalitäten und auf der Venloer Straße 202 im Zeit für Brot auf viel gerühmte Rosinenschnecken.

 

Am Aachener Weiher steht das Museum für Ostasiatische Kunst.

Wenn Ihr in Köln unterwegs seid, solltet Ihr bis Ende März noch hier vorbei schauen.