Re:Integrationshürden Teil 3: Im Café oder Über mein Milchschaumhauben-Trauma

Cappuccino al banco in Rom
Cappuccino al banco in Rom

Espresso, Latte Macchiato oder Cappuccino - das sind in Italien nicht nur einfache koffeinhaltige Getränke. Der regelmäßige Kaffeegenuss wird als allgemeines Kulturgut geschätzt und geschützt! So wird der Höchstpreis für eine Tasse Kaffee von italienischen Kommunen festgelegt. Selbst in der Hauptstadt Rom zahlt man mitten im Zentrum nur 1 EUR für den Espresso oder 1,50 EUR für einen Cappuccino. Solange man beides al banco, im Stehen am Tresen, zu sich nimmt! Genießt man seinen Caffè jedoch im Sitzen steigt der Preis expotential an, weil hier die staatliche Preisbremse nicht zieht - vor allem wenn der Kaffeetrinker ein Tourist ist. 

 

Bei der Preispolitik ist es wenig verwunderlich, dass die Römer sich auch gerne mehrmals am Tag an den Tresen eines Cafés begeben, um dicht gedrängt und im Stehen einen schnellen kleinen Espresso zu trinken. Nach meinem Umzug nach Rom hatte ich mich schnell an diese rasante Kaffeekultur gewöhnt.

 

Recht bald gab es für mich keinen besseren Start in den Tag als ein kleines Frühstück im Stehen in einer der zahlreichen typischen Café-Bars. Nirgendwo sonst lernt man bei einem Cappuccino und Cornetto (Hörnchen) so viel über italienische Lebensart. In diesem Mikrokosmos habe ich zum Beispiel viel über den Hang der Italiener zum kulinarischen Individualismus erfahren. Kaum ein Gast bestellt einen Kaffee ohne Sonderwünsche. Der eine möchte seinen Cappuccino mit sehr heißer Milch, der andere seinen Espresso mit Zucker im Glas, die andere bestellt einen Marocchino mit Sojamilch, die nächste einen  doppelten entkoffeinierten Espresso... und kaum jemand weicht von seinen täglichen Gewohnheiten ab. So ist es oft der Barista selbst, der beim Anblick seiner Stammkunden die Bestellung ausruft. "Un caffè macchiato, per il professore..., Un cappuccino con latte bollente per la signora".  

Turbulente Momente genussvoller Glückseligkeit

Egal von wem die Bestellungen aufgegeben werden, sie sind immer untermalt von den murmelnden Unterhaltungen der Gäste, dem lauten Zischen der Kaffeemaschinen und dem scheppernden Geräusch, wenn die Tassen auf der Marmorplatte des Tresens abgestellt werden. All dieser Trubel und die drängelnden Gäste um einen herum, treten für einen kurzen Augenblick in den Hintergrund. Genau in dem Moment, in dem man mit halb geschlossenen Augen seinen caffè an die Lippen führt, um den ersten Schluck zu genießen. Entspricht dieser Schluck den eigenen hohen Erwartungen, folgt ein Moment genussvoller Glückseligkeit.

 

Wenn das nach einer fast sinnlichen Erfahrung klingen sollte, dann nur, weil es genau so ist. Kaffeegenuss in Italien ist kurz und herrlich intensiv. Nicht nur das Koffein weckt die Lebensgeister, sondern auch die elektrisierende Atmosphäre in den Bars. Nach vier Jahren in Rom war ich am Ende soweit, dass mir nichts so sehr den Tag verderben konnte wie ein schlechter Cappuccino am Morgen. In punkto Genuss war ich mittlerweile so typisch italienisch kompromisslos geworden, dass ich nur noch meine vier Stammcafés aufsuchte, in denen die Barista wortlos meine Bestellung aufnahmen: ein Cappuccino mit sehr sehr heißer Milch, einer sanften Milschaumhaube und einem Hauch von bitterem Kakao. 

Meine Lieblingsbar in der Via Giulia in Rom
Meine Lieblingsbar in der Via Giulia in Rom

Kaffeekultur-Schock am frühen Morgen

Nach meinem Umzug zurück nach Deutschland dauerte es keine zwei Tage, da packte mich die Unruhe. Ich musste raus! Ich musste unbedingt einen Cappuccino trinken gehen! Also steuerte ich am Vormittag eines der zahlreichen italienischen Eiscafés in meiner Heimatstadt an. Irittiert stellte ich fest, dass ich offensichtlich die einzige war, die beabsichtigte um 10 Uhr einen Kaffee zu trinken. Während sich in Rom um diese Uhrzeit die Bars zur zweiten Kaffeepause des Tages füllten, stand ich in einem gähnend leeren Café in Koblenz. 

 

In Italien hatte es mir nie etwas ausgemacht, alleine Kaffee trinken zu gehen. Al banco war man immer in Gesellschaft. Im Zweifelsfall hielt man ein Schwätzchen mit dem Barista. Obwohl der Anblick all der freien Sitzplätze mir ein gewisses Unbehagen bereitete, entschied ich mich zu bleiben, bestellte einen Cappuccino und langweilte mich. Es gab keine Gespräche über das letzte Abendessen zu belauschen, niemand beschwerte sich lauthals über die römische Bürgermeisterin, keine Tasse klapperte, kein Barista war von meinem Platz aus, bei seinen eingeübten Handgriffen zu beobachten.

 

 

Selbstverständlich macht Kaffeetrinken in Rom auch im Sitzen Spaß!
Selbstverständlich macht Kaffeetrinken in Rom auch im Sitzen Spaß!

Mit dem Cappuccino wurde dann der zweite irittierende Moment serviert. Obwohl ich keinen doppelten Cappuccino bestellt hatte, wurde vor mir eine fast schon absurd große Tasse abgestellt, in der man ein Baby hätte baden können. Wäre da nicht diese Milchhaube gewesen, deren Bauschaum-Konsistenz jedes Vordringen zum flüssigen Untergrund zu einer echten Aufgabe machte. Meine Nase drückte sich tief in den Schaum, während ich einen ersten Schluck Kaffee nahm. Um das Ganze abzukürzen: Der Moment genussvoller Glückseligkeit blieb aus. Mein Cappuccino entpuppte sich als lauwarmer Latte Macchiato in einer Tasse mit aufgeschäumter H-Milch. Was wiederum so verdächtig nach einem Sonderwunsch in einer römischen Bar klang, dass ich meinem Nicht-Cappuccino zumindest ein Lächeln abgewinnen konnte. 

 

Seit diesem ersten Cappuccino-Schock habe ich einiges dazu gelernt. Den Trubel in einer italienischen Café-Bar, der in meinen Ohren wie Musik klingt, würde man in Deutschland allgemein hin als Lärm bezeichnen. Sinnlichkeit ist kein Attribut, das mit Kaffeetrinken in Verbindung gebracht wird. Gemütlich soll es sein und nicht aufregend. Das erklärt auch die Größe der Cappuccino-Tassen und den wenigen Kaffee in der vielen Milch. 

 

Mittlerweile habe ich festgestellt, dass die Kaffeegeschmäcker in Deutschland ebenso unterschiedlich sind wie in Italien. Viele mögen einfach lauwarmen Latte Macchiato in einer Tasse. Andere trinken ihren Kaffee gerne hipp und schwören auf Cold Brew Dripper. Und es existieren auch Cafés, in denen der Cappuccino fast so gut schmeckt wie in meinen Lieblingsbars in Rom. Diese Re:Integrationshürde habe ich also mittlerweile ganz gut gemeistert. 

 

Was ich allerdings immer noch nicht übers Herz bringe, ist einen Cappuccino nach dem Abendessen zu bestellen. Da halte ich mich immer noch strikt an römische Lebensweis-heiten:1. Kaffee mit Milch gehört auf den Frühstückstisch. 2. Zuviel Milch nach dem Mittagessen macht Bauchweh! 

 

Solltet Ihr einmal in Rom unterwegs sein und Lust auf einen guten Cappuccino haben, dann schaut einfach in meinem Blog www.unterwegs-in-rom.eu vorbei:

Die 8 schönsten Cafés in Rom! 

 

 

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