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Über Re:Integrationshürden - Part 2 - An der Supermarkt-Kasse

Wie sich das Leben in Deutschland nach vier Jahren in Bella Italia anfühlt? Vor allen Dingen anders! Einige Gepflogenheiten, Rituale und Abläufe, die für mich vor Jahren noch völlig normal waren, erscheinen mir heute seltsam fremd. Letzte Woche hatte ich Euch von meinen Irritationen am Zebrastreifen erzählt, diesen Sonntag möchte ich von Re:Integrationshürden an der Supermarkt-Kasse berichten.

Just-in-time-Shopping und Meditations-Übungen im Supermarkt

Zum besseren Verständnis meiner Eingewöhnungs-Problematik solltet Ihr zuerst erfahren, wie es an römischen Supermarktkassen zugeht. Langsam, kurz und eng. Zumindest in den Supermärkten in meinem Wohnviertel. Ein Großteil von ihnen lag versteckt in Hinterhöfen  oder Kellergeschossen. In Rom werden Quadratmeter in Gold aufgewogen. Um wertvollen Raum mit wertvoller Ware zu füllen, wird an der Länge der Kassenbänder gespart. Als ich das erste Mal vor so einem absurd kurzem Band stand, musste ich laut auflachen. Der Kassierer hätte ohne Probleme bis ans Ende greifen können. Wozu also ein fahrendes Band und vor allem wohin mit meinen Einkäufen?

 

Es war mehr als offensichtlich, dass die Länge der Warenbänder in römischen City-Supermärkten nicht mit meinem deutschen Einkaufsverhalten kompatibel war. Das Konzept eines Wocheneinkaufs, mit einem bis zum Rand gefüllten Einkaufswagen, schien völlig unbekannt. Alle anderen Kunden legten nur eine Handvoll Produkte auf. Meinem Warenberg und mir warfen sie skeptische Blicke zu. Gleich für mehrere Tage einzukaufen, schien für meine neuen römischen Nachbarn ein merkwürdiges Unterfangen zu sein. Ziemlich schnell begriff ich warum. Viele Römer finden es abwegig schon im voraus zu wissen, was man übermorgen essen möchte. Und selbst wenn man es wüsste, wäre die Ware bis übermorgen ja nicht mehr frisch. Also kauft jeder, der es sich zeitlich leisten kann jeden Tag ein. Was auch sonntags funktioniert, weil die meisten Supermärkte keinen Feiertag kennen.

 

In meinem Stadtviertel in Rom lebten mehr Menschen als in Koblenz. Wenn ein Großteil dieser vielen Menschen jeden Tag einkaufen geht, führt das unweigerlich zu vollen Supermärkten und ewig langen Schlangen an der Kasse. Zur Verlängerung der Wartezeit trugen Kassierer*innen bei, die in einem fast meditativen Akt ein Produkt nach dem anderen über den Scanner zogen. Außerdem ist Wechselgeld in römischen Kassen Mangelware. Immerhin könnte es ja geklaut werden. Bei jedem Kassiervorgang wird nach jedem einzelnen Cent in Portemonnaies gekramt und gewühlt. So wurden Supermarktbesuche in Rom für mich zu einer hilfreichen Lektionen in Sachen Gelassenheit und Geduld. 

Schnell, schneller, Discounter-Kasse

Der erste Einkauf in Koblenz führte mich in eine der zahlreichen Filialen einer Discounter-Kette. Kaum an der Kasse angekommen wurde mir klar, dass hier in Deutschland die Dinge anders laufen. Vor allem die langen Kassenbänder. Es ging so schnell vorwärts, dass ich mit dem Auflegen nicht hinterher kam und meine Einkäufe über einen halben Quadratkilometer verstreut lagen. Hinter mir hatten sich vielleicht vier weitere Kunden angesammelt, schon schallte der entnervte Ruf nach einer zweiten Kasse durch den Raum. Solch eine Forderung in Kombination mit solch einem unhöflichem Ton hätte in Rom einen verbalen Gegenschlag zur Folge gehabt. In diesem Falle blieb die gehetzt dreinblickende Kassiererin jedoch still und betätigte einen Knopf, worauf erst ein lautes Bimbam und dann eine Frauenstimme aus dem Off ertönte, die das baldige Öffnen der Kasse Zwei verkündete.

 

Mittlerweile merkte ich, dass der Herr hinter mir in der Schlange nervös wurde und mir immer näher auf die Pelle rückte. Mit einer plötzlichen Armbewegung und vollem Körpereinsatz griff er über meine Einkäufe und mich hinweg, um einen dieser Warentrenner zu ergattern. Den knallte er mit einem vorwurfsvollen "Da gehört der hin!" zwischen unsere Einkäufe. Und ich hätte ihn dort hin stellen sollen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. In Rom hatte ich den Einsatz dieser Demarkationslinien auf dem Kassenband völlig verlernt, da meist nur ein einziger Einkauf darauf Platz gefunden hatte.

 

Nun war ich mit dem Einkauf an der Reihe. Völlig überrascht von der immensen Geschwindigkeit, mit der die Kassiererin die Waren über den Scanner jagte, kam ich mit dem Einräumen nicht hinterher. Irgendwann begann sie mir die Milch und Butter eigenhändig in den Korb einzuräumen. Eine Geste, die mich nur noch mehr unter Zugzwang setzte. Offensichtlich genügte ich nicht den Tempo-Anforderungen an deutschen Kassen.

Es hatten noch nicht alle Teile ihren Weg in den Korb gefunden, da wurde mir schon der Betrag genannt. Auch wenn es sich um eine Zahlenkombination handelte, schwangen da ungesagte Buchstaben mit, die den Satz bildeten "Bezahlen und zwar so schnell wie möglich." Aus alter römischer Gewohnheit begann ich trotzdem, den genauen Cent-Betrag in meinem Portemonnaie zusammen zu suchen. Was meinen Hintermann ein entnervtes Stöhnen entlockte und die Kassierin verkünden ließ, dass kein Kleingeld von Nöten sei. Ich griff nach ein paar Scheinen, bezahlte, stopfte das Wechselgeld eilig ins Portemonnaie. Schon drängelte mich mein Hintermann von der Kasse weg. Verzweifelt klemmte ich mir das Portemannie unter einen Arm und den Kassenzettel zwischen die Zähne und flüchtete mich mit meinen Einkäufen in die Einpackzone. Unglaublich! Während ich meine Habseligkeiten sortierte, versuchte ich mich zu erinnern. War Einkaufen in Deutschland früher schon so unentspannt gewesen? Ich wußte es nicht mehr. In diesem Moment wusste ich nur um meinen Re:Integrations-Unwillen. Diese Hetzerei wollte ich nicht. Ebenso wenig wie diese Besitzstandswahrung auf dem Kassenband. Als ob ich jemandem seine Leberwurst oder ihre Marmelade noch kurz vor dem Bezahlen klauen wollte!

 

Wenn also eine Frau vor Ihnen in der Schlange an der Kasse sich weigert den Warentrenner aufzulegen und Sie fast schon das Gefühl haben, sie tut genau dies nicht, um Sie zu ägern, dann liegen Sie richtig. Wenn diese Frau später beim Bezahlen in Ruhe anfängt nach Kleingeld zu suchen und sich nicht von Ihnen von der Kasse abdrängen lässt, dann bin ich das! Sehen Sie es als eine kleine italienische Lektion in Gelassenheit und Geduld.

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